Strandgespräche

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Auf Reisen traf ich kürzlich einen netten Menschen aus dem Ruhrgebiet, der mit einem Offroad-Klappwohnwagen unterwegs war. Da ich mich für seinen Anhänger interessierte und er aus meiner Heimatstadt kam, entwickelte sich schnell eine ausgedehnte Unterhaltung. Er fragte mich, warum ich nach Münster gegangen sei und ich erzählte Ihm von meinem Studium. Wir sprachen über die Vorzüge dieser schönen Stadt in Westfalen – ich berichtete von den vielen Spielplätzen in Münster und von unseren Urlaubsreisen mit dem Sprinter. Er sagte, er habe fünf Kinder und sei Zeit seines Lebens mit dem Zelt gereist. Immer draußen zu sein, draußen zu kochen, frische Luft zu atmen, das sei Urlaub für Ihn. Mittlerweile seien die Kinder alle aus dem Haus – zum studieren in andere Städte – und er habe sich den Traum vom Campinganhänger erfüllt.
Während unseres Gesprächs fing es an zu regnen und einige Camper verzogen sich eilig in Ihre Wohnmobile. Satellitenschüsseln wurden ausgefahren und das Geräusch von Stromerzeugern vermische sich mit dem Kreischen der Möwen. Wir stellten uns unter ein Tarp, welches er an seinem Wagen gespannt hatte und beobachteten das fleißige Treiben.

Erneut kamen wir auf Münster zu sprechen. Es lebt sich gut dort, sicher. Aber die Lebenshaltungskosten…und erst die Grundstückspreise…an Eigentum sei nicht zu denken, klagte ich.
Solchen Ballast habe er nie gebraucht, sagte er.

Ich musste an den Film Fight Club denken: „Alles was Du hast, hat irgendwann Dich.“

Er deutete auf unseren Bus: „Du hast Dein Traumhaus doch schon gefunden“, sagte er. „Und vor allem hast Du es immer dabei – ganz ohne Zahlungsverpflichtungen. Das bedeutet Freiheit für mich, mehr als jedes Gefühl, das Grundbesitz hervorrufen kann“, fügte er hinzu.

Als ich später am Bus in dem äußerst lesenswerten Buch „Ich schraube, also bin ich“ von Matthew B. Crawford weiterlas, in dem es um das Glück an der handwerklichen Arbeit geht, öffnete mir folgender Abschnitt die Augen, den ich niemandem vorenthalten möchte:

„Im Jahr 1900 gab es in den Vereinigten Staaten 7632 Fahrzeughersteller. Durch die Einführung von Fords Methoden (Anm.: die Fließbandarbeit) wurde die Industrie rasch auf die Großen Drei (GM, Chrysler, Ford) reduziert. Die Arbeiter gewöhnten sich an die Abstraktheit des Fließbandes. Es liegt auf der Hand, dass dieses nur Abscheu hervorruft, wenn man befriedigendere Arbeitsabläufe kennt. Unter diesem Arbeitsbedingungen verwandelte sich der Lohn in eine Entschädigung.“…

Etwas weiter unten heißt es:

„Die Gewöhnung der Arbeitskräfte an das Fließband wurde durch eine weitere Neuerung des frühen 20. Jahrhunderts begünstigt: den Konsumkredit. Wie der Kulturhistoriker T.J. Jackson Lears erklärt hat, wurden durch die Ratenzahlung bis dahin undenkbare Käufe möglich, es wurde vollkommen normal, sich zu verschulden. Wer Schulden machte, um ein Auto zu kaufen, galt nicht länger als jemand, der nicht genug Geld hatte, sondern als jemand, der kredit-, das heißt vertrauenswürdig war. Der alte puritanische Moralismus, den Benjamin Franklin (der zugegebenermaßen selbst kein Puritaner war) mit dem Motto „Seid sparsam und frei“ zum Ausdruck gebracht hatte, wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts vollkommen umgekrempelt: Nun wurde das Geldausgeben moralisch legitimiert. Eines der von Lears angeführten Symptome für diese Umwälzung war das 1907 erschienene Buch mit dem unbescheidenen Titel The New Basis of Civilization. In diesem kehrte der einflussreiche Ökonom Simon Nelson Pattens die moralische Wertigkeit von Schulden und Konsum schlichtweg um: Die Vervielfachung der Bedürfnisse war nicht länger Zeichen einer gefährlichen Verderbnis, sondern wurde zum Bestandteil des Zivilisationsprozesses – oder besser gesagt: des Disziplinierungsprozesses. Lears schreibt:

Mit der Verschuldung konnten die Arbeitskräfte diszipliniert und an Routinetätigkeiten in Fabriken und Büros gebunden werden, wo sie in Fesseln alt wurden, um ihren Zahlungsverpflichtungen regelmäßig nachkommen zu können.

 

 

 

 

 


Quelle: „Ich schraube, also bin ich“, Matthew B. Crawford, Ullstein, 2010
Eine aufschlussreiche Rezension zum Buch gibt es hier.

 

 

 

 

 

 

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